1. Definition
Die Bioenergetische Analyse (BA)
ist eine psychotherapeutische Methode, deren Wurzeln auf Sigmund FREUD zurückgeht,
gleichermaßen wie die Psychoanalyse. Im Unterschied zur Psychoanalyse,
die auf Phantasien, Gedanken und Träume fokussiert als die alleinigen Ausdrücke
des Unbewußten, schenkt die BA außerdem erhöhte Aufmerksamkeit
auf den körperlichen Ausdruck des Patienten, wie er sich in Gesten, Mimik,
Stimme und Atmenmustern zeigt. Anstelle Körper, Verstand und Seele zu trennen,
versteht die BA diese als unteilbare Einheit, weshalb jeder einzeln die anderen
mitbeeinflußt, und weshalb therapeutische Eingriffe einer Modalität
eine Wirkung auf die anderen haben.
Die Bioenergetische Analyse wurde ursprünglich von Wilhelm REICH, einem
Studenten und späterem Kollegen von FREUD entwickelt, der schließlich
zu einem leidenschaftlichen Kritiker von FREUD wurde. Er führte das Konzept
der Charakterpanzerung ein, was meint, daß bestimmte, gefühlsmäßig
traumatische Erfahrungen, die oft aus früher Kindheit stammen, zu einem
beträchtlichen Festhalten bestimmter Muskelregionen oder zu Verspannungen
führen können, was dann gleichzeitig Gefühle abtötet zum
Schutz der Seele. " Die Charakter-Analyse ", Reichs berühmtestes
Buch (REICH, 1945) erklärt und beschreibt physische und emotionale Strukturen
in Neurosenbegriffen und macht den Leser mit einer Anzahl körperorientierter,
psychotherapeutischer Techniken bekannt. Zwei seiner Studenten (und Patienten),
John PIERRAKOS und Alexander LOWEN führten die Ideen von Reich fort. Während
Pierrakos eine Körper-Psychotherapieform entwickelte, bekannt als "
Core-Energetik ", entwickelte Alexander Lowen die Bioenergetische Analyse,
wie wir sie heute kennen. Bioenergetik gegenwärtig bedeutet, mit der "Lebensenergie"
zu arbeiten: somatische, psychische und emotionale Ausdrücke werden von
einem gemeinsamen, biologischen, energieabhängigen Mechanismus kontrolliert.
2. Weitere Untersuchungen und Ergebnisse
Alexander Lowen (1958, 1975), hat
sich auf seine Erfahrungen mit Wilhelm Reich gestützt und auf eigene Beobachtungen
seiner Patienten, indem er diese sehr sorgfältig untersuchte nach Gesichtspunkten
wie Körperstruktur, Aussehen und Beweglichkeit der Gliedmaßen, Brust-und
Beckenregionen, Atemmuster, mimischer Gesichtsausdruck, Augenausdruck und Gestik.
Er hat daraus geschlossen, daß Menschen in fünf Grundpersönlichkeiten
eingeteilt werden können: den schizoiden, den oralen, den masochistischen,
narzistischen und rigiden Charakter. Diese Ausdrücke basieren auf Freuds
Vorstellung von Entwicklungsphasen; sie wurden weiter erklärt und durchforscht
von Stanley KELEMAN (1981) und auch von Stephen M. JOHNSON (1985); Keleman widmete
mehr Aufmerksamkeit auf die Anatomie eines Menschen, während Johnson versuchte
sich mit (dem Konzept von) Freud zu versöhnen.
Abhängig davon, wann während der Entwicklungsphase (des Menschen)
gewisse Defizite oder Traumata passieren, wird durch diesen Bewältigungsversuch
(coping) die eine oder andere Charakterstruktur entstehen, sie wird probewiederholt,
und wird sich als Form (Gestalt) in der Körperstruktur einer Person wiederfinden.
BA als Psychotherapie hieße dann, den Defizit, das Trauma oder den ungelösten
Konflikt zu analysieren, geeignete spezifische, verbale oder körperliche
Interaktionen finden um diese hervorzubringen, und dem Patienten dann zu helfen,
Wege zu seiner Genesung herauszufinden.
Lowen hat in vielen Vignetten beschrieben, wie er damit umgeht. Tatsächlich
hat er das entwickelt, was als "Body-Reading" (Körper-Lesen)
bekannt ist, und womit er praktisch die Charakterstruktur eines Menschen ablesen
kann, indem er die Körperstruktur und die muskulären Spannungsmuster
analysiert. Seine theoretischen und praktischen Konzepte sind sämtlich
auf seinen persönlichen Beobachtungen gegründet und bedürfen
des wissenschaftlichen Nachweises. Das Kapitel Forschungsergebnisse wird zeigen,
daß die Gemeinschaft der Bioenergetiker seit einigen Jahren aktiv engagiert
ist, diese Lücke zu füllen.
3. Anwendungen
Wie aus dem bisher Erwähnten deutlich wird, ist die BA eine Form von Körper-Psychotherapie, die für Erwachsene, die an neurotischen und psychosomatischen Störungen leiden, nützlich ist. Wie nützlich sie auch für Psychosekranke ist, ist zur gegenwärtigen Zeit unbekannt, denn wir haben noch keine Veröffentlichungen, die sich auf die Behandlung dieser Störungen beziehen Auch die Anwendung von BA für Kinder und deren psychischen Störungen (Ventling 2001) liegt noch im Anfang, aber Veröffentlichungen erscheinen jetzt. Aus Daten von Studien und Forschung (siehe genauer Kapitel 5 Forschung) wissen wir, daß meisten unsere erwachsenen Patienten, die z.B. an neurotischen Störungen leiden wie Phobie, Panikattacken, Ängsten, Zwangserkrankungen, Anpassungsstörungen, Depressionen mit und ohne psychosomatische Komplikationen und soweiter, nach dem ICD-10 zufolge zur Klasse F4 eingestuft werden können. Ein kleinerer Anteil leidet an Persönlichkeitstörungen und Verhaltensstörungen, und diese werden unter F6 klassifiziert; etwa ähnlich häufig sind Patienten, die an Affektstörungen leiden, und die wir unter F3 einstufen. (Gudat 1997; Ventling & Gerhard 2000; Bertschi 2003).
4. Therapie
Intensive Vorarbeit zur Erstellung
der Dianose geht einer bioenergetischen Psychotherapie voraus. Die gegenwärtige
Lebenssituation, der persönliche Entwicklungsverlauf einschließlich
der pränatale Periode, der Geburts- und Nachgeburtsperiode werden ebenso
erforscht wie die medizinische Anamnese, die Beziehungserfahrungen und ihrer
Qualität. Der Körper-Ausdruck, die Haltung, muskuläre Verspannungen,
Blockaden in verschiedenen Körperabschnitten, der Grad an Lebendigkeit
und Körper-Bewußtsein werden sorgfältig angeschaut und - hypothetisch
- in Bezug gesetzt zur Charakter-Struktur, die der Person am nähesten scheint.
Auf diese Weise bekommt der Therapeut eine Idee von den Lebensthemen des Klienten,
seinen wesentlichen Problemen und seinen charakteristischen Lösungsstrategien.
Auch wenn diese Idee immer wieder überprüft werden muß im Laufe
der Therapie, bietet sie doch eine praktische Orientierung, um die verbalen
und nicht-verbalen Informationen ebenso wie die Körpersignale zu strukturieren.
Diese ersten Eindrücke vermitteln dem Therapeuten, was er hinsichtlich
Reaktionen, Widerständen und so weiter von einem Klienten zu erwarten hat.
Beide Ansätze, die verbalen und die körperlichen, bahnen den Weg des
therapeutischen Prozesses.
-Der verbale Ansatz beginnt mit dem Bericht des Klienten, und er lenkt seine
Aufmerksamkeit nicht nur auch den Inhalt der Worte, sondern auch auf die gefühlsmässigen
Nuancen und Körperreaktion, die damit einhergehen. Der Fokus wird dann
auf die letztere Kommunikationsform gelenkt, damit der Klient diese deutlicher
wahrnehmen und somit sich auch adäquater ausdrücken kann.
-Der körperliche Ansatz versucht zunächst, die Atmung zu vertiefen
und die Körperwahrnehmung und das Körperbewußtsein zu verbessern.
Dieses kann dadurch geschehen, daß aus einer breiten Auswahl Übungen
herausgesucht werden: entweder Stresspositionen oder Entspannungsübungen
oder verschiedene Formen von Bewegungsübungen. Ziel ist es, den spontanen,
emotionalen Ausdruck des Klienten zu fördern oder diesen sogar wieder zu
ermöglichen und ihn zum Bewußtsein zu bringen. (Lowen 1980, 1981,
Dietrich 2004, Steinmann 2002)
5. Forschungsergebnisse
5.1.Theoretische Untersuchungen: Differenzierung und Erarbeitung von Grundkonzepten, ihre spezifischen Anwendungen und mögliche Verbindung zu anderen wissenschaftlichen Gebieten
Die Literatur von Wilhelm REICH
(z.B. 1933; 1942; 1948; 1961), Gründer und Urheber der meisten, zeitgenössischen
Körper-Psychotherapien und die Literatur von Alexander LOWEN (z.B. 1958;
1967; 1975), Gründer der Bioenergetischen Analyse (BA) und Begründer
des Internationalen Instituts für Bioenergetische Analyse (IIBA) haben
uns mit Konzepten versorgt, die ununterbrochen Reflexionen und Kritik anregen
und die weitere Diskussionen, Untersuchungen auf deren Gültigkeit und die
Möglichkeit praktischer Nutzanwendung nachsichziehen. Deshalb fühlten
viele Mitglieder des IIBA das Bedürfnis oder den Wunsch, ihre Sichtweisen
oder praktischen Erfahrungen in Form von Veröffentlichungen auszudrücken.
Solche Veröffentlichungen können zunächst in Zeitschriften gefunden
werden, die von örtlichen Gesellschaften herausgegeben werden, wie das
" Forum der Bioenergetischen Analyse" (Zeitschrift der deutschen Gesellschaften)
oder " Körper und Seele " (Zeitschrift der schweizerischen Gesellschaft)
und das Pendant dazu " Le corps et l’analyse " oder " Anima e
Corpo " (Frankophone Gesellschaften. Italienische Gesellschaften). Für
ein internationales Publikum haben wir folgende Plattform zur Verfügung:
die IIBA Zeitschrift " Bioenergetic Analysis ", "Energy and Character",
"USA Body Psychotherapy Journal", das amerikanische Journal für
Körperpsychotherapie, um nicht die Möglichkeit unerwähnt zu lassen,
in etablierten Zeitschriften verschiedener psychologischer oder psychiatrischer
Gesellschaften zu veröffentlichen. Alle aufzählen zu wollen ist in
diesem Kapitel nicht möglich.
Jeder Band von " Körper und Seele " der schweizerischen Gesellschaft
für Bioenergetische Analyse und Therapie (SGBAT) wird einem bestimmten
Thema gewidmet, jeder einzelne Band definiert ein Grundkonzept der Bioenergetischen
Analyse (Hrsg. Koemeda-Lutz 2002). Hier wird der Versuch gemacht, BA mit aktuellen
Konzepten und Ergebnissen psychologischer, neurobiologischer, soziologischer,
linguistischer und medizinischer Theorie und Forschung zu verbinden.
Neuere Buchveröffentlichungen haben weitere Gebiete für spezifische
Anwendungen der Bioenergetischen Analyse erforscht (Ventling 2001; 2002).
Verschiedene Autoren haben versucht, neurobiologische Erkenntnisse zu körper-psychotherapeutischen
Konzepten und Techniken in Verbindung zu bringen (Resneck-Sannes 2003; Klopstech
2004; Lewis 2004; Koemeda-Lutz und Steinmann 2004; Koemeda-Lutz 2004; Ventling
2004). Und schließlich wurden Versuche unternommen, bioenergetische Konzepte
der Energie mit Konzepten und Modellen der modernen Physik in Verbindung zu
bringen, wie sie von Mahr (1997; 2001), Carle (2002) und Madert (2004) unternommen
worden sind.
In den vergangenen Jahren wurden theoretische (die Ausarbeitung von Grundkonzepten)
und klinische Untersuchungen (einzelne Fallstudien - siehe eine getrennte Aufstellung;
Entwicklung neuer Techniken, z.B. Lowen & Lowen 1977; Dietrich & Pechtl
1990) durch quantitative, empirische Studien ergänzt.
5.2 .Quantitative Forschungsstudien.
5.2.1. Einschätzung der Effektivität der Bioenergetischen Analyse
Vier Studien sind ausgeführt worden, um die Effektivität der Bioenergetischen Analytischen Therapie einzuschätzen. Drei dieser Studien waren retrospektiv (Gudat 1997; 2002; Ventling und Gerhard 2000; Bertschi et al. 2003), eine davon prospektiv (Koemeda-Lutz et al. 2003 ein + b). Alle Studien konnten klar positive Ergebnisse aufweisen. Zur Zeit plant die schweizerische Charta für Psychotherapie (sie umfaßt gegenwärtig 22 Lehrberufsinstitute für Psychotherapie, die verschiedenen Methoden angehören) noch eine weitere prospektive Studie, einen Behandlungsvergleich mit anderen Methoden für ambulante Psychotherapiepatienten in der Schweiz. Bioenergetiker werden an dieser Studie teilnehmen. Neben der Frage allgemeiner Wirksamkeit der BA sind mehrere Gebiete zusätzlich noch detaillierter erforscht worden.
5.2.2. Beweis für " Charakter-Stile "- ein psychosomatisch begründetes Persönlichkeitsmodell
Quantitative empirische Studien sind von Fehr ausgeführt worden (1998 ein; 2000), die die Gültigkeit der bioenergetischen Theorie der Charakterstrukturen untersuchte. Fehr (1998 b) entwickelte einen Fragebogen (Bioenergetische Prozessanalyse BPA), um Charakterprofile von Patienten zu bewerten, und wie diese sich während einer Therapie verändern. An Hand von faktoranalytische Berechnungen hat Fehr (2000) untersucht, wie sich die bioenergetisch definierten Charakterprofile zu den anderen etablierten Persönlichkeitsprofilen, benannt als die "Big Five" (Goldberg 1990) beziehen.
5.2.3. Untersuchung über die Gültigkeit von "Body-Reading" als diagnostisches Werkzeug
Body-reading ist ein wichtiges diagnostisches Werkzeug in der Bioenergetischen Analyse gewesen (Lowen 1958; Bäurle 1988; Kurtz & Prestera 1976; Rank 1994; Sollmann 1999). Eine Studie wurde ausgeführt um zu überprüfen, ob ausgebildete Therapeuten zuverlässig brauchbare Informationen gewinnen können aus dem körperlichen Erscheinungsbild ihrer Patienten. Sie können es! (Koemeda-Lutz und Peter 2001; 2002). Eine zweite Studie wurde dafür angesetzt, aus den Therapieaufzeichnungen der Therapeuten beim sog. Körper-Lesen ein Screening-Raster abzuleiten, auf welche Kriterien sie sich in ihrer Beurteilung stützen (Koemeda-Lutz et al. 2003 c).
Übersetzung aus dem Englischen
Regine Armbruster-Heyer
© European Federation for Bioenergetic Analysis - Psychotherapy, 2005